Seit dem 3. Dezember wohne ich dort, in der Saliho School und mache die Talentschmiede mit. Ich muss ehrlich sagen, dass ich diesen Text hier bestimmt das dritte Mal komplett neu anfange, weil immer wieder neue Erkenntnisse und Ereignisse dazu kamen. Aber jetzt fange ich einfach mal von vorne an:

Wie kam ich dazu?

Wer meinen Blog schon seit den Kinderschuhen kennt, weiß, dass ich ungefähr Mitte 2015 das erste Mal auf Alexandra König (Saliho School) traf. Ich besuchte das Grundwissens Seminar und war danach so begeistert, dass ich mich sofort für das 6 Tages Seminar mit Pferd im Oktober anmeldete (hier ist ein kleiner Erfahrungsbericht darüber zum nachlesen). Ein Gespräch mit ihr – das sehr hart, aber so wichtig war – brachte für mich den großen Wendepunkt. Ich packte mein Leben an und änderte so vieles. Ich erdrückte meinen Selbsthass, griff meine Unsicherheit an und arbeitete gegen meine Angst. Schon innerhalb kurzer Zeit bemerkte ich auch am Néo, wie er mich anders wahrnahm. Meine Beziehung zu meinem Freund wurde so viel einfacher und ich ließ mich von Außen und fremden Leuten nicht mehr so leicht beeinflussen (in Form von blöden Bemerkungen etc. – ich nahm einfach viele Dinge nicht mehr persönlich).

Noch vor ca. 5 oder 6 Jahren war ich in einer Depression, kam da zum Glück wieder raus, aber sowas hinterlässt Spuren. Diese Spuren haben mein Leben so stark beeinflusst, weil ich ihnen so viel mehr Gewicht gab, als sie eigentlich gehabt hätten. Nachdem mir die Augen geöffnet wurden und ich bemerkte, dass ich sehr wohl was dagegen tun kann, bin ich heute wieder ein so fröhlicher Mensch, voller Optimismus und Tatendrang. Für mich gibt es keine Probleme, sondern nur Lösungen. Das Leben hat sich für mich innerhalb von ein paar Jahren komplett gewandelt…

Danach besuchte ich den Workshop für Fortgeschrittene und erlebte da auch wieder, wie schnell man sich vom Außen beeinflussen lassen kann. Denn ich war vom Weg abgekommen, von einem Weg der mich so stark begeistert hat (hier kannst du mehr darüber lesen). Weil ich nicht mehr vom Weg abkommen wollte, kaufte ich mir sogleich beide Online Seminare (Grundwissen und Aufbauwissen) um immer wieder ein „Nachschlagewerk“ zu haben. Doch es war mir immer noch nicht genug. Gerade die Kombination von Pferdepsychologie, Pferdesprache etc. und Entwicklung, Persönlichkeit und Psychologie des Menschen zusammen hat mich so gefangen genommen. Schon immer hatte ich ein Faible für die Psychologie (wahrscheinlich weil ich selber so viel damit zu tun hatte 😉 ) und natürlich auch für Pferde. Und ich wollte mehr erfahren.

Nach einem kleinen Hin und Her (ob Module oder Jahresausbildung) entschied ich mich für die Talentschmiede. Ich hatte Glück und es gab gerade noch einen Platz.

Die Ankunft

Ich sollte eigentlich schon Ende November dort ankommen, aber meine Pferde machten mir einen Strich durch die Rechnung. Ich kam schon total gestresst am Stall an, mit einem neuen Hänger und den Gedanken – „Oh scheiße, ich muss die Beiden drei Stunden alleine da runter fahren…“. Ich habe zwar schon zwei Fahrten mit Pferden hinten dran gemacht, aber die längste Strecke waren 45 Minuten. Jedenfalls spürten die Beiden meine Panik und bewegten sich keinen Schritt zu weit hinein. Gute zwei Stunden versuchten wir es, aber irgendwann gab ich auf. Ich wusste, dass es an mir lag, dass ich einfach schon diese Blockade hatte: „Geht bloß nicht rein, sonst muss ich euch auch noch fahren, in eine neue, unbekannte Umgebung, hilfe!“ Zum Glück konnte ein Pferdetransporter direkt eine Woche später fahren. Also ging es dann am dritten Dezember nach Dorfreit. Néo rannte gleich beim ersten Anlauf hinein, fand es dann doch blöd und ließ sich dann nach zwei oder drei Anläufen doch noch überreden. Nicki dagegen mussten wir fast schon rein tragen. Ihren Ausdruck dabei werde ich nie vergessen… Sie stand dann da drin, überlegte kurz und mümmelte gleich am Heu herum. Als hätte sie nie gesagt, dass sie da nicht rein wollte. War ja von Anfang an ihre Idee da rein zu gehen, also pff.

Vor Erleichterung, beide Pferde so schnell verladen zu haben, zitterten mir die Knie. Ich hatte echt schon mit allem Gerechnet. Aber für mich war klar, die MÜSSEN da jetzt rein. Ich fuhr dann voraus um schon einmal zu wissen, wo die Beiden dann hin kommen. Die Reise überstanden Néo und Nicki wunderbar, kein Tropfen Schweiß am Körper aber schon viel Ballast verloren. Aber naja, dass sowas immer stressig ist, weiß man ja. Sie inspizierten ihren neuen Offenstall mit Garten und fühlten sich gleich ziemlich wohl. Mir wurde unsere WG gezeigt und mein Zimmer. Wir (die Talentschmiede Schüler) wohnen mit Julia im Oberen Geschoss. Sandra im unteren.

Gleich am ersten Tag (obwohl so viel los war) fühlte ich mich wie Daheim.

Unser Alltag in der Talentschmiede

Ich habe Selbstversorgung gewählt, also geht es jeden Tag in der Früh raus in den Stall zum Misten, Raus bringen, Heu füttern etc. Was ich aber sehr angenehm finde, dass das jeder selbst entscheiden darf, wann er mistet usw. Julia steht sehr früh auf, ich glaube fünf Uhr ca. Ich habe eine sehr weite Range, zwischen 6:00 und 7:30 Uhr entschließe ich mich dazu aus den Bett zu rollen. Dann geht es ins Bad, dann zum Kaffee trinken, manchmal auch eine Kleinigkeit essen und dann raus zum Misten. Fast jedes Mal filmt uns dabei die Julia, wie wir unsere Pferde raus führen. Weil schon während des Führens so viel zum Analysieren entsteht (gleich dazu mehr). Der Unterricht findet ziemlich spontan statt. Entweder zwei oder einmal am Tag. Aber es gibt auch Tage, an denen nicht unterrichtet wird. Oft setzen wir uns dann nach dem Frühstücken zusammen. So eine Analyse kann schon mal so zwei bis drei Stunden dauern – je nachdem wie viel Videomaterial wir zusammen bekommen haben. Dann haben wir Zeit frei zur Verfügung. Auch mit unseren Pferden dürften wir selbstverständlich auch eigenständig Dinge ausprobieren und machen. Es ist alles sehr frei geregelt, was ich sehr angenehm finde. Die freie Zeit nutze ich fürs Spazierengehen, Joggen, Einkaufen oder zum lesen. Gegen Nachmittag / Abend wird dann gefüttert und dann Essen wir auch zu Abend. Danach gibt es manchmal noch Unterricht und dann fallen wir alle meistens total erschöpft ins Bett.

Und was lerne ich nun hier?

Weg von diesen Trainingsmethoden – so baut man WIRKLICH eine Beziehung zu seinem Pferd auf!

Ich habe es ja schon öfter erwähnt, dass der Beziehungsaufbau nicht durch irgendein Bodenarbeits Training geschieht. Aber bisher war es für mich noch nicht so greifbar, wie es denn anders gehen soll. Ich bin dann einfach viel Spazieren gegangen, was auch gut etwas beigetragen hat. Doch das Erste was man tun sollte, ist das Pferd an sich kennen zu lernen. Viel beobachten und einfach Wünsche des Pferdes erfüllen – dem Pferd also dienen. In der Zeit lernt man die Bedürfnisse seines Pferdes kennen, welche Verhaltensmuster es an den Tag legt, was es lieber mag und was nicht. Auch einmal das Pferd entscheiden lassen, in welche Richtung es gehen möchte und nicht nur seinen eigenen Kopf durchsetzen. Erforschen, was es mit der neu gewonnen Freiheit anstellt. Wird es bockig, macht es dann sein eigenes Ding oder möchte es trotzdem bei einem bleiben? Das sind alles wichtige Dinge, die du dir aufschreiben solltest. Umso mehr Infos du beieinander hast, umso besser kannst du ein Muster dahinter erkennen und den Charakter feststellen. Dazu gehören auch Fehler. Deswegen nicht scheuen, etwas auszuprobieren, was vielleicht schief gehen könnte. Ich habe mir zum Beispiel in den Kopf gesetzt, es auszunutzen, dass Néo immer ganz aufgeregt ist, wenn ich mit Nicki zur Koppel gehe. Ich habe es dann also probiert, Néo frei mitlaufen zu lassen – und dann gleich die etwas größere Runde am Garten der Saliho School vorbei. Dadurch, dass ich mit Nicki recht zögerlich voran gegangen war, dachte Néo, dass das nun der neue Auslauf ist und ist einfach seines Weges gegangen. Bis ich dann mit Nicki um die Ecke gegangen bin, also aus seinem Blickfeld, sprang er uns panisch hinterher. Nicki bekam gleich so Angst, weil sie dachte, dass Gefahr droht. Ich habe dann noch geschafft beide in die Koppel zu bringen, aber habe da schon einiges gelernt – auch wenn es total schief lief. Und wenn ich an eine Sache gedacht hatte, kam der nächste Fehler, den ich dann korrigieren musste. Aber gerade darum geht es. Durch Fehler lernst du das Verhalten deines Pferdes so viel besser kennen, als wenn alles glatt läuft. Und du kannst mehr über dich erfahren, wie du in Stresssituationen reagierst. Selbst die Pferde analysieren in diesen Momenten dein Verhalten. Das heißt, auch wenn alles schief läuft, du aber alles souverän meisterst, bist du nicht gleich unten durch.

Drei Wochen am Stück war ich ja nun dort (über Weihnachten und Silvester war ich bei meiner Familie) und in der Zeit ist so viel passiert – obwohl ich meine Pferde nur zur Koppel und wieder zurück geführt habe. Mit Nicki war ich einmal spazieren, und das auch nur, weil sie es vorgeschlagen hatte. Mit Néo war ich einmal in der Halle. Und dennoch habe ich so viel über mich und meine Pferde erfahren… Es fängt nämlich nicht erst am Reitplatz oder in der Halle an, sondern sobald dich die Pferde sehen und in jedem noch so kleinsten Umgang mit ihnen. Das muss uns unbedingt bewusst werden. Deswegen ist es auch so schlimm ständig mit den Stall Kollegen zu ratschen, wenn man gerade mit seinem Pferd zusammen ist. Gerade da passiert schon so viel Missverständnis und Gewalt. Pferde brauchen 110 %ige Präsents von uns, sonst stumpfen sie schnell ab. Wenn du dich einmal total auf dein Pferd konzentrierst, wirst du erkennen, dass es schon lange vorher Dinge anfragt. Ob es zum Beispiel nach rechts gehen kann, ob es grasen darf, ob es dich überholen darf usw. Und darauf musst du immer eine Antwort in Form deiner Energie und Körpersprache parat haben. Wenn nichts kommt, macht es einfach sein eigenes Ding. Und so ziehen die Pferde einfach in irgendwelche Richtungen, ziehen den Menschen zum Gras, etc. Weil das Pferd gelernt hat, dass der Mensch nicht kommuniziert.

Und ich denke, dass es niemanden verletzt, wenn man als Antwort schnell sagt: „Ich muss mich auf mein Pferd konzentrieren, ich bin danach für dich da“.

Die Geschichten der Pferdeäpfel

Was ich auch so unglaublich interessant finde, ist, dass man tatsächlich durch die Beschaffenheit und der Platzierung der Äpfel so viel über sein Pferd herausfinden kann. Am Anfang haben meine Pferde sich komplett zum anderen Talentschmiede Pferd abgegrenzt, indem sie die komplette Wand zum anderen Pferd in einer Linie zugeäppelt haben. Auch das andere Pferd hat einen riesen Haufen gesetzt. Anscheinend sind wir unbewusst in Resonanz geraten, genauso auch die Pferde. Meine Schwingung ist eher angespannt, über nervös bis hin zu ängstlich, während das andere Pferd tief entspannt ist. Das konnten beide Parteien nicht voneinander leiden und haben sich deutlich gezeigt, dass sie denjenigen nicht mit in der Herde haben wollen.

Meine Pferde haben auch sehr viel außen geäppelt. Und viel akkurat am Zaun entlang. Das bedeutet, dass sie sich von der Welt abgrenzen und deutlich machen, dass sie hier sind. Es zeigt für mich, dass ich ein gewisses Misstrauen gegenüber alles was neu auf mich zukommt habe. Und das war noch nicht einmal alles… 😀

Wie eine Änderung der äußeren und inneren Haltung sofort einen kompletten Wandel hervorbringen kann

Nicki ging schon immer sehr weit hinten und zum Traben habe ich sie auch nie auffordern können. Sie blieb auch häufig stehen und ich wusste mir nicht genau zu erklären, weshalb. Auch mit Néo gab es häufig Situationen in denen er stehen blieb. Ich dachte, dass es ein wenig an dem liegt, dass sie mir nicht vertrauen. Doch Néo nimmt zum Beispiel die Welt ganz anders wahr. Er ist so fasziniert von all dem was er sieht, dass es bei ihm immer zwischen total freudige Begeisterung und überforderte Angst hin und her schwingt. Deswegen ist es bei ihm sehr wichtig, alles zu benennen und erklären. Als ich das tat, änderte sich gleich so viel bei ihm. Er konnte sich besser darauf einlassen und ließ seine Anspannung mehr und mehr fallen. Bei Nicki musste ich mehr tun. Sie strahlte eine starke Verschlossenheit aus. Und wenn ich sie führte ging sie immer so zögerlich hinter mir her und drehte den Kopf immer leicht weg von mir. Alles in mir lehnte nämlich etwas ab. Und Pferde wissen ja nicht was ich da ablehne, sie nehmen nur die ablehnende Energie wahr. Ich sollte auch mal versuchen, Nicki anzutraben. Ich probierte es bis zum Asthmaanfall und schaffte es kein kleines Stück sie dazu zu motivieren. Weil meine Energie dennoch für sie so bremsend war, denn Ablehnung bremst aus. Gleich nach der Analyse, als das festgestellt wurde, forschte ich nach, was das zu bedeuten hatte und was genau ich da in mir ablehnte. Ich kam dann auf etwas sehr interessantes: Früher war ich sehr bestimmt, so bestimmt, dass ich teilweise sogar meine Mitmenschen damit verletzen konnte. Eigentlich eine geborene Führungsperson. Doch die Erziehung und meine Erfahrung damit, dass ich Freunde wehtun konnte, trieben mir das aus. Ich lernte diesen Teil von mir abzulehnen und passte mich lieber an. Dabei ist das ein mächtiger und wichtiger Teil von mir, der mir im Leben ja so unglaublich weiterhelfen kann. Ich fing also an meine Aufmerksamkeit auf diesen Teil in mir zu legen und setzte unterstützend die Körpersprache ein (Schulter und Hand offen zum Pferd hin beim Führen). Das erste Mal blieb Nicki kein einziges Mal stehen. Beim zurück führen schaute sie in die andere Richtung und schlug einen Spaziergang vor. Also ging ich mit. Und was geschah? Nicht nur, dass sie ohne einmal stehen zu bleiben mit kam, sie trabte auch fast die ganze Zeit mit mir mit. Es war unglaublich. Ein Geschenk von ihr an mich, dass ich auf den richtigen Weg bin…

To be continued…

Author

Ich heiße Chrissi und ich hatte meine große Entdeckung 2015 - da lernte ich Chi-Horsing (Saliho School von Sandra König) und die Akademische Reitkunst (nach Bent Branderup) kennen, welche mich auf einen komplett neuen Weg brachten... Diesen Weg möchte ich nun hier mit dir auf meinem Blog "Horsensation" teilen!

7 Comments

  1. Irene Poensgen Reply

    Hallo Chrissi, schön Dich hier wieder zu finden. Wir hatten ja gerade das 5 Tage Seminar bei Euch und da haben wir uns ja auch kennengelernt.. und ja, für mich ist es auch entscheidendes Erlebnis, auf die Saliho School gestoßen zu sein…. LG Irene

    • HORSENSATION Reply

      Hallo liebe Irene!
      Ach schön, so „sieht“ man sich wieder 🙂 Das freut mich sehr – ich wünsche dir ganz viel Spaß mit deinem tollen Hafi Toni und dass ihr beide voller neuer Ideen durchstarten werdet!
      GLG!

  2. Das klingt alles total spannend. Leider habe ich noch nicht ganz herausgefunden, was das eigentlich für eine Schule ist, aber ich werde es sicher in den weiteren Beiträgen noch erfahren 😉

  3. Pingback: HORSENSATION : Kennst du dein Pferd wirklich?

  4. Ich wünsche Dir und allen Mitlesern/Mitleserinnen ein gutes und gesundes neues Jahr mit vielen neuen Erkenntnissen übers Pferd.
    Ich freue mich auch auf Fortsetzungen. Und ich kann Deinen Weg gut nachvollziehen. Du bist da schon sehr viel weiter als ich, die ich hinsichtlich dessen noch in den Kinderschuhen (Kinder „Huf-“ schuhen ?) stecke.

    Liebe Grüße!

  5. Es ist so, so toll, dass du von deinen Erlebnissen und Erfahrungen berichtest. Ich habe ja schon wochenlang darauf gehofft <3
    Ich freue mich auf die Fortsetzungen!

    • HORSENSATION Reply

      Ach schön, das freut mich wiederum! Vielen Dank für dein liebes Feedback 🙂

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