Ich habe das Reiten in einem Verein gelernt und mir wurde dort und auch in späteren Reitschulen immer wieder mitgegeben, dass Pferde reagieren müssen. Sie müssen Befehle ausführen, immer ruhig stehen bleiben und – hart ausgedrückt – müssen jedwedes Bedürfnis unterdrücken. Mir wurden folgende Sätze, zu verschiedenen Situationen, unterschiedlichster Reitlehrer und Pferdegurus „ans Herz“ gelegt:

Mein Pferd hatte recht viel Power und wollte sich einfach ein wenig austoben – und das auch noch sehr gesittet, in einem schönen Galopp. Er wollte also gerade nicht so gerne durch parieren, so wie es vom Reitlehrer erwünscht war. Folgender Satz wurde mir dann dazu gesagt:

…Er ist halt noch nicht broken. Er hat noch zu viel eigenen Willen…

Ich habe mein Pferd geputzt und immer wieder gelobt, weil er so brav still stand und mir ohne zu zögern seine Hufe gab (ich lobe ihn heute noch nach jeden einzelnen, gegeben Huf). Der Satz hierzu vom Bereiter:

…Du solltest ihn nicht die ganze Zeit loben, sonst denkt er noch, er wäre der Allergrößte und Tollste…

Ich ritt eine vier Jährige Stute bei einer Übung mit, bei der wir diagonal durch die Bahn galoppieren und dabei auch noch darauf achten sollten, im Links- oder Rechtsgalopp los zu reiten. Die Diagonale wurde mit jeweils zwei Paar Stangen festgesetzt – einmal am Start- und am Endpunkt. Als wir nach der sehr erfolgreichen Galoppeinheit in der Schlange warteten, spielte sie mit ihrer Nase an einer dieser Stangen herum. Der Satz des Lehrers hier:

…Lass ihr das nicht durchgehen, sie hat still zu stehen und sollte sich nur auf dich konzentrieren…

In allen drei Zitaten fehlt es völligst an Freiheit und Liebe. Obwohl jeder dieser Menschen genau damit wirbt. Sie werben damit, dass individuell auf jedes Pferd eingegangen wird und man es schonend, fair und geduldig ausbildet. Alles was ich von diesen Personen und ihren Pferden, die sie ritten, sah, war Schmerz, Angst, Grobheit – ja teilweise schon pure Gewalt und absolut keine Toleranz. Sie versuchen die Pferde in eine vorgegebene Form, Technik und Methode zu pressen und wenn sie aus individuellen Gründen herausfallen, werden sie mit Gewalt wieder hinein gepresst. Die Einschüchterungstaktik hält aber auch nur so lange, wie man auch dabei bleibt. Wird man weich, kann es sein, dass sein Pferd irgendwann die Chance ergreift und alles auspackt. Und dann wird es richtig gefährlich. Wie kommt man gegen so viel erfahrenen Leid und Unrecht an? Natürlich mit einem weiteren Aufenthalt bei meinem Bereiter… Denn das Pferd ist ja total wirr und panisch, hört nicht mehr und ist einfach nur wieder extrem unerzogen. Die Techniken, die dann angewandt werden, sind entweder welche, die nach außen hin recht pferdefreundlich wirken, aber innerlich das Pferd tatsächlich brechen können. Oder man darf in den ersten Wochen sein Pferd nicht einmal besuchen, weil genau in dieser Zeit aufs Pferd so viel physischen und psychischen Druck ausgeübt wird, bis es komplett gebrochen ist und nur noch funktioniert. Und ab da ist man schon im Teufelskreis.

Doch was soll man dann mit so einem Pferd tun? Verkaufen?

Nein, es gibt tatsächlich eine Möglichkeit, wie wieder beide – Mensch und Pferd – zum gemeinsamen Einklang finden können. Und das dauerhaft! Denn der Schlüssel zum gemeinsamen Glück liegt in dir. Ja – in jeden von uns selbst. Denn da fängt es an. Und warum habe ich so ein extremes Beispiel gebracht? Nun, weil ich es mit meinen Néo ähnlich erfahren habe. Und es bestimmt mehrere da draußen gibt, die sich irgendwann als zu schlecht und nicht gut genug für sein Pferd gefühlt haben und es dann (besten Gewissens) lieber in andere Hände gegeben haben.

Ein anderes Beispiel – um die Sache abzurunden – wäre eine Pferd, Mensch Beziehung, welche auf einen bestimmten Grad an Frustration gekoppelt ist. Das heißt, dass man sich als Besitzer schon damit abgefunden hat, dass das Pferd einfach so ist und man damit umzugehen lernt. Und ohne zu wissen, wird man stumpf gegenüber den feinen Signalen des Pferdes. Und umso verzweifelter das Pferd versucht, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, umso stumpfer wird der Mensch. Aber es gibt immer einen Grund, warum das Pferd buckelt, durchgeht, sich losreist, beißt, rempelt, überrennt, sich nicht anfassen oder gar einfangen lässt. Und diesen Grund kann man (leicht) ändern, definitiv einfacher, als ein Pferd immer weiter zum nächsten und nächsten Trainer zu schicken oder ständig in einer Frustration zu stecken.

Es fängt in dir an

Nun muss man dazu bereit sein, sich selbst zu reflektieren. Erkennen, wie man wirklich ist – ohne Verschönerungen oder den Satz „Ja so bin ich halt!“. Und dann ist es sehr wichtig, noch einmal ganz genau hinzusehen, welche Träume in einem eigentlich schlummern und ob man diese denn erreicht hat? Hast du dich zum Beispiel schon daran „gewöhnt“, dass du diesen langweiligen, stressigen, schlecht bezahlten, unkreativen oder energieziehenden Job hast? Oder weißt du das ganz genau und leidest deswegen jeden Tag? Wie gestaltet sich dein privates Leben? Bist du mit allem so zufrieden? Weißt du, wie du mit Fremden und Freunden umgehst und mit dir selbst? Und wie gehen diese Menschen mit dir um?

Das sind alles Fragen, die man sich unbedingt stellen muss. Am besten aufschreiben und immer wieder neue Erfahrungen dazuschreiben, weil man nie alles auf einmal weiß, das muss aus dem Geschehnis heraus kommen. Weiß man also, wie man als Mensch ist und ob Zufrieden oder nicht, geht es nun daran zu erfahren, wie das Pferd ist. Du wirst mit 100%iger Sicherheit bemerken, dass deine gewonnenen Erkenntnisse über dich selbst und dein Leben, auch einige Facetten vom Verhalten deines Pferdes sind. Dein Pferd spiegelt dir also eigentlich nur diese Dinge, die „falsch“ laufen, die du bearbeiten musst. Und das nicht am Pferd, sondern in deinem Leben.

So war und ist es bei uns

Ein kleiner Ausflug in meine persönlichen Erfahrungen

Als ich Néo bei seinem Züchter und Ausbilder kennen lernte, erfuhr ich ihn als unheimlich loyalen, gütigen und selbstbewussten Wallach. Grundeigenschaften, die ich deswegen so sehr mochte, weil ich sie auch in mir selbst sah. Wir waren uns also schon von Grund auf recht ähnlich. Als er dann zu mir in den Stall gefahren wurde und er mehr und mehr Zeit mit mir verbrachte, kamen Facetten zum Vorschein, welche er natürlich von mir spiegelte, die ich damals noch überhaupt nicht bewusst erkennen konnte. Zum einen war er eigentlich ein extrem Gelassener, konnte aber aus undefinierbaren Gründen plötzlich so verängstigt sein, dass ich selbst gar nicht mehr wusste, wie und warum nun das geschehen ist. Diese Angst hat uns lange verfolgt (gleich dazu mehr)…


Ein anderes Verhalten, welches er häufig an den Tag legte, war das Ausbrechen. Egal wo. Ob in der Box, wenn gerade gemistet wurde, sprang er einfach drüber, auf der Weide, als die Pferde reingebracht wurden oder so gut wie jedes Mal beim longieren, Reiten und spazieren gehen. So lange habe ich das nicht verstanden und schickte ihn von einem zum nächsten Trainer und flog dann auch noch nach Montana um selbst zu lernen. Er hat mir so viel Angst damit gemacht, dass es Jahre lang noch in mir gewütet hat. Denn es blieb nicht nur beim Ausbrechen, manchmal überrannte er mich auch – ich hatte tatsächlich Angst um mein Leben.
Und weil ich Angst hatte und keine andere Möglichkeit wusste, was ich tun soll, schaukelten wir uns gegenseitig hoch in den Teufelskreis. Ich baute durch meine Erfahrungen immer mehr Druck auf, wurde aggressiv und wütend, während er immer ängstlicher und panischer wurde, bis er sich dann (natürlich) los riss. Nach jeden Trainer Aufenthalt wurde es sogar noch schlimmer mit uns. Bis er nicht mehr mit mir mit wollte. Denn durch das Ganze hatte ich mein komplettes „Selbstvertrauen“ verloren, ich rutschte auch eine längere Zeit in eine Depression und meine Eltern wollten einfach nur, dass ich ihn endlich verkaufte.


Aus heutiger Sicht war es zwar eine echt heftige und schwierige Zeit, aber mir musste das Ganze so extrem um die Ohren gehauen werden. Denn ich hatte mir eine art Hülle zugelegt, die er erst einmal knacken musste, damit mir bewusst wird, dass ich tief in mir selbst absolut nicht diese Person war, die ich dachte zu sein.

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Ich fing also an, mich endlich zu erkennen. Ich erkannte, dass ich meine ganze Energie verschwendete um mich selbst zu hassen und mein Glück ständig in Néo suchte. Der sich davon natürlich so belastet fühlte, dass er einfach nur weg wollte. Genauso wie ich, ich hatte wie in Trance ein Leben und eine Zukunft gewählt, die ich für mich niemals gewählt hätte. Da ich so unsicher war, wollte ich eine sichere Zukunft und das hoffte ich wohl damit zu erreichen. Aber es hat mich belastet, bis zum Schluss. Ich fing außerdem an mein Glück woanders zu finden. Damals war es das Fotografieren in der Natur. Heute brauche ich keinen Vorwand mehr, meine Kraft, Energie und mein Glück aus der Natur zu schöpfen, ich tue es einfach bei einem schönen Spaziergang – ich finde es mittlerweile sogar störend, ständig daran zu denken Fotos zu machen. Ich will diese Augenblicke für mich alleine. Das konnte ich mir am Anfang natürlich nicht zugestehen, aber zumindest habe ich da diesen einen wichtigen, ersten Schritt gewagt.


Alles in einem – ohne nun noch weiter auszuschweifen – habe ich Schritt für Schritt an den Dingen gearbeitet, die ich als belastend in meinem Leben empfand. Und Schritt für Schritt kam ich so näher an eine Verbindung zum Néo. Er wurde ruhiger, selbstbewusster und zuverlässiger – einfach ausgeglichen – zurück zum Pferd der Natur, anstatt ein Pferd der Menschenstimmungen. Die Angst hat uns noch sehr lange verfolgt. Weil ich auch im Leben noch einige Dinge klären musste, die mir angst machten. Jetzt kann ich sagen, dass ich frei bin, dass ich endlich meinen Weg gewählt habe und es sich unglaublich anfühlt… Aber komplett stimmig und richtig.

Mein ganzes Leben und meine Zukunft haben sich durch eine Entscheidung komplett verändert und eine unglaublich große Last fiel mir damit von den Schultern (ich hatte ewig lang Rückenschmerzen, diese sind nach dieser Entscheidung verschwunden). Außerdem konnte ich im Alltag Situationen meistern, die mir Angst machten um endlich sicherer zu werden. Das blieb Néo natürlich nicht unbemerkt. Auch wenn wir am Anfang unserer Spaziergänge Startschwierigkeiten haben, verläuft der Rest wie im Märchen. Anscheinend werde ich noch länger „geprüft“, ob ich das nun wirklich ernst meine, friedlich, ohne Erwartungen und voller Vertrauen zu sein, schließlich haben Néo und ich eine sehr lange Zeit (nun bald 8 Jahre) in völliger Disharmonie gelebt – nun vor allem natürlich ich 😉

Was ich noch anmerken möchte

Sei ohne Reue und verzeih dir, du kannst nichts ändern, wenn du voll von diesen Gefühlen bist. Dein Pferd verzeiht dir jeden Tag aufs Neue – dann kannst du das auch. Sei absolut ehrlich, dein Pferd ist es auch mit dir. Nur wenn du gnadenlos ehrlich zu dir bist, kannst du auch anfangen, diese Dinge in dir und im Leben zu ändern. Und sei immer voller Zuversicht. Ich sage es aus Erfahrung: Jedes Problem hat eine Lösung und du kannst dir dein Leben so gestalten, dass du damit wirklich zufrieden bist. Trau dich nur! Und lass dir von niemanden einreden, dass etwas nicht möglich ist. Es ist alles möglich – du musst nur daran glauben!

Natürlich geht sowas so viel tiefer, als ich es hier angekratzt habe. Aber wenn du merkst, dass sich auch dein Pferd verändert, weißt du, dass du auf den richtigen Weg bist. Und alle Probleme, die du hattest, lösen sich nach und nach in Luft auf – ohne Druck, Zwang oder gar Gewalt – nur mit mehr Authentizität, Reflexion und einem schöneren Leben mit dir und den Menschen drumherum.

P. S. Lasse dich nicht entmutigen, wenn dein Pferd plötzlich  neue Dinge „auspackt“. Jeder hat so vielschichtige und unterschiedliche Facetten, die nach und nach erst in Erscheinung treten können. Analysiere, was dein Pferd damit aussagen möchte und in welchen Bereich deines Lebens oder Teil deines Verhaltens es passen könnte – und dann: arbeite daran

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Ich heiße Chrissi und ich hatte meine große Entdeckung 2015 - da lernte ich Chi-Horsing (Saliho School von Sandra König) und die Akademische Reitkunst (nach Bent Branderup) kennen, welche mich auf einen komplett neuen Weg brachten... Diesen Weg möchte ich nun hier mit dir auf meinem Blog "Horsensation" teilen!

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