Im dritten Teil der Blog Serie geht es nun über unsere und die Sensibilisierung unserer Pferde. Warum Sensibilisierung? Weil es da draußen Menschen gibt, die zeigen, wie toll sie mit ihren Pferden umgehen können und uns damit inspirieren und vielleicht auch packen – wir wollen das auch können und versuchen es nach zu machen. Was grundsätzlich nichts falsches ist. Doch manchmal steckt nicht genau das dahinter, was wir uns vorgestellt haben, lassen uns aber doch schnell dazu bewegen es als notwendige Schritte zu sehen, dieses Ziel zu erreichen. Schließlich hat diese Person es auch genau so geschafft und die Pferde machen das ja auch gerne… oder…?

Seit ich Chi Horsing kenne und es mehr und mehr in mein Leben einfließen lasse, wurde ich und auch meine Pferde mehr und mehr sensibilisiert. Ich entdecke plötzlich Leid, Not und Angst, was ich vorher nicht so gesehen habe – ich habe mich blenden lassen. Das klingt zwar hart, aber das ist Realität. Denn Pferde wollen gefallen, wollen Harmonie haben und tun alles um überleben zu können. Sie arrangieren sich schnell mit den Gegebenheiten und kommen (scheinbar) damit auch klar. Aber in jeder Sekunde kommunizieren sie ihre innersten Gefühle – die einen noch mehr, die anderen schon weitaus weniger… Aber sie sind da und es liegt an uns, diese Gefühle wahrzunehmen und zu akzeptieren. Hinter die Kulissen schauen und sehen, dass auch der größte Guru nicht perfekt ist.

Auch wenn es am Ende so fein und frei ist, heißt es nicht, dass der Weg dahin genau so verlief. Wenn wir genau hinsehen, können wir entdecken, wie der Weg zum Ziel war und ob das alles ehrliche Beziehung ist. Und ich warne schon jetzt: Die Meisten der bekannten Pferdemenschen sind einen Weg gegangen, der nicht wirklich Pferdefreundlich ist und tatsächlich nichts mit einer harmonischen und echten Pferd-Mensch-Beziehung zu tun hat.

Immer das Gesamtbild im Auge behalten, die Hintergründe erfragen und mit einer gewissen Skepsis herangehen!

Zuerst ist es wichtig, dass wir uns nicht mehr einschüchtern lassen, von großen Pferdemenschen, die schon so viel erreicht haben. Sie haben vielleicht einen Weg gefunden, der ihnen selbst am besten geholfen hat – aber nicht unbedingt die Wahrheit für jeden sein sollte. Dasselbe gilt auch bei den Stallkollegen. Da gibt es vielleicht eine Person, die ein Pferd hat, welches unfassbar brav wirkt. Es steht immer still am Putzplatz und genießt sichtlich das Putzen und döst dabei vor sich hin. Im Gelände erschrickt es vor nichts und bleibt immer gelassen. Es folgt dem Besitzer auch ohne Halfter und Strick und zeigt auch vorbildliches Verhalten beim Reiten auf dem Platz – wenngleich es etwas langsamer ist als die Anderen. 

Pferd folgt auf Schritt und Tritt
Das Pferd folgt brav auf Schritt und Tritt… Doch wie schaut hierzu der Hintergrund aus?

Bevor man denkt „Ooh, das Pferd ist sooo lieb und brav, ich wünschte meins wäre auch so!“, sollte man erst einmal genauer hinsehen und auch ein wenig von der Backgroundstory des Pferdes in Erfahrung bringen. Wie wurde es ausgebildet, in wie vielen Händen war es bereits, wie alt ist es, wie schaut das Gesamtextereur aus und wie verhält sich der/die Besitzer/in dem Pferd gegenüber? Das vermeintlich „Brave“, was für uns so positiv rüber kommt, ist ziemlich oft etwas sehr, sehr schlimmes. Denn dieses Pferd hat sich im schlimmsten Falle innerlich „abgeschossen“ – d. h. es hat gelernt, dass es nichts zu sagen hat, seine Meinung völlig unwichtig ist und es besser ist in Begleitung des Menschen nur zu reagieren. Meistens haben solche Pferde eine harte Erziehung „genossen“, in der viel mit Druck und Dominanz gearbeitet wurde, vielleicht auch mit Gewalt. Das Pferd wurde also so lange unterdrückt, bis es sich aufgegeben hat und kommt nun uns gegenüber als unglaublich braves Pferd rüber…

Zeichen von Stress und Leid
Dreieckige Falten über dem Auge und eine tiefe Kuhle – Anzeichen für Stress und Leid.

Falls das Pferd so ist, es jedoch keine große Hintergrundgeschichte durchlaufen hat, liegt es meistens am Besitzer. Entweder er arbeitet stark mit diesen oben beschriebenen Methoden, oder das Pferd spiegelt die innerste Wahrheit wider. Im letzteren Fall kann es sein, dass sich der Besitzer innerlich von seinen Gefühlen getrennt hat und nur noch funktioniert – dies ist aber nur ein Beispiel von vielen Möglichkeiten.

Nach diesem Text – würdest du dir immer noch wünschen wollen, dass dein Pferd so „brav“ ist?


Das Pferd wirkt wach, lässt sich mit den geringsten Hilfen bewegen und reagiert blitzschnell. Es läuft voller stolz komplett frei um seinen Menschen herum und bemüht sich sichtlich sehr für ihn. Es könnte ja weggehen, da es die Freiheit dafür hat, es geht aber nicht, weil es sich bestimmt super wohl bei seinem Menschen fühlt und ganz viel Spaß dabei hat.

Deutliche Abwehrreaktion gegen die Sporen kann sich ausdrücken da hier kein Gebiss verwendet wird
Pferd zeigt deutlich seinen Ärger beim Einsatz der Sporen. Auch wenn es hier relativ frei gearbeitet wird, hat der Mensch weitere Hilfsmittel um dem Pferd keine andere Wahl zu lassen (Gerte und Sporen).

Wer wünscht sich denn nicht eine so harmonische und spaßige Pferd-Mensch-Beziehung? Doch auch hierbei ist nicht alles Gold was glänzt. Das harmoniebedürftige Pferd lässt sich so einfach lenken… Zuerst sollte also auch hier überprüft werden, wie das Pferd allgemein reagiert, wenn der Mensch etwas von ihm verlangt. Legt es die Ohren leicht an, verzieht die Nüstern zu einem Strich und kneift das Maul zusammen? Dann hat dieses Pferd definitiv keinen Spaß! Auch wenn zur Zeit das Gerücht im Internet umher geht, dass die Pferde, die das zeigen, sich eigentlich konzentrieren – so ist es nicht. Sobald die Ohren mit der weiteren Mimik so angelegt sind, ärgert sich das Pferd sehr (mit der Ausnahme, dass die Ohren nach hinten gerichtet sind, weil der Mensch hinter dem Pferd geht und ansonsten alles locker ist und der Blick wach und gelöst wirkt). Denn auch wenn es ja gehen könnte – es wurde schon mit langer vorarbeit darauf trainiert, dass es eben NICHT die Wahl hat zu gehen!

Pferd in offensichtlicher Not, fast Panik
Ein Pferd in Angst und Not – dreieckige Falten über den Augen, zusammengepresste Nüstern, zurückgezogene Unterlippe, schlagender Schweif, Hinterhand zum Menschen gedreht – bereit zum Verteidigen.

Alles fängt damit an, dass man mit Halfter und Strick (vielleicht auch Gerte) auf dem Platz umher geht und das Losgehen, Stoppen und weitere Gangarten auf Kommando trainiert. Dieses Kommando ist die Stimme, dann kommt ein Rucken am Halfter oder die Gerte zum Einsatz – alles natürlich in „feiner Art“ und in gesteigerter Form, sollte das Pferd mal nicht gleich reagieren. Genauso wird dann auch das Longieren praktiziert. Kommt das Pferd frei und entfernt es sich vom Menschen, wird es so lange getrieben, bis es von selbst wieder her kommt und bekommt dann hier die Belohnung: Ruhe. Das Pferd lernt in dieser Zeit, seinen Menschen zu lesen und zu reagieren. Es lernt, dass es keine Freiheiten hat und es immer besser ist, beim Menschen zu sein, da es sonst Stress gibt. Diese Pferde sind zwar nicht gebrochen und können sich dennoch einigermaßen frei ausdrücken (Ohren anlegen, etc.), haben aber auch hier überhaupt keine Entscheidungsfreiheit. Die einen Pferde werden mit Leckerlis belohnt, die anderen nur mit Ruhe. Druck gibt es aber in beiden Fällen (Clicker-Training ausgeschlossen, das ist eine andere Sache).

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Nach hinten gerichtete Ohren, zusammengekniffene Nasen- und Maulpartie. Es könnte sein, dass hinter dem Pferd etwas vor sich geht, was ihm nicht passt oder das Offensichtlichere: Dem Pferd passt nicht, dass das Mädchen mit der Hand genau an die Stelle kommt, an der es nicht sehen kann, was es da tut.

Auch hier wieder die Frage: Möchtest du das deinem Pferd immer noch antun? Denn trotz vermeintlicher Freiheit, ist sie fürs Pferd nicht greifbar – nur für das staunende Publikum.

Freie Entfaltung des Pferdes gibt es in beiden Fällen nicht. Nach außen hin wirken sie vielleicht toll und man beneidet die Besitzer dafür, aber ist es das was wir wirklich wollen? Ein Pferd, das nur Befehle ausführt und keine eigene Meinung mit einbringen darf? Kommunikation ist nicht vorhanden, das Pferd wird benutzt und wieder weggestellt – so hart wie es auch klingt. Denn ein Pferd zu konditionieren hat nichts mit Pferdesprache und Beziehungsarbeit zu tun. Man kaschiert damit vielleicht die einen oder anderen Probleme, die davor noch da waren, aber wirklich weg sind sie nicht.


Der Besitzer hat seinem Pferd ein paar Tricks beigebracht und freut sich sehr, dass das Pferd sichtlich Spaß daran hat, denn es zeigt diese auch einfach so ungefragt.

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Das Pferd führt schon hektisch vor dem Kommando die Übung aus – nicht weil es sich freut und diese Übung gerne macht, sondern weil es einfach schnell den Apfel und seine Ruhe haben möchte.

Leider ist es auch bei diesem Fall weniger die Freude des Pferdes, weshalb es die Tricks ausführt. Es weiß lediglich, dass es dafür ein Leckerli gibt. Häufig packen solche Pferde ihre ganze Trickkiste aus, wenn es vor einer neuen Herausforderung des Menschen stehen und nicht begreifen um was es geht – nur um endlich seine Ruhe davor zu bekommen. Wenn der Mensch nicht genau weiß, was er da tut, hat das Pferd sehr viel mehr Stress dabei, als man annehmen würde. Wenn es dann einfach so Tricks zeigt, dann meistens aus Überforderung und letzten Ausweg. Dabei ist natürlich auch zu beachten, wie das Pferd dabei aussieht – sieht man das Weiße in den Augen? Schnappt es danach nach der Hand um an Leckerlis zu kommen? Scharrt es am Boden und schüttelt es öfter den Kopf? Schlägt es mit dem Schweif? Ist es ansonsten kaum klar ansprechbar?


Der Besitzer kommt zum Stall, in der Box steht sein Pferd und wiehert ihm freudig entgegen. Das Pferd genießt sichtlich die gemeinsamen Stunden, das Kraulen und die Bewegung.

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Ein Pferd voll freudiger Erwartungen – oder wohl eher ein Pferd, welches völlig abhängig vom Besitzer ist… ?

Ein Boxenpferd steht in Einzelhaft. Wenn es gut läuft, kommt es noch alleine für ein paar Stunden auf die Wiese, wenn es nicht so gut läuft darf es nur für ein paar Minuten an der Hand grasen. Trotz den Haltungsbedingungen wiehert oder brummelt das Pferd freudig, wenn der Besitzer auftaucht und genießt die Streicheleinheiten. So süß wie es auch aussieht und klingen mag – das Pferd wiehert nur deswegen seinem Menschen entgegen, weil dieser der Einzige ist, der diesem Pferd Abwechslung gewährt. Er ist derjenige, der sein Pferd aus der Einzelhaft herausholt und wenigstens IRGENDETWAS anderes unternimmt – und wenn es Dressurlektionen in der Halle sind. Deswegen muss das Pferd die gemeinsame Arbeit aber nicht lieben, es muss nicht einmal seinen Menschen mögen. Es ist nur absolut abhängig von ihm, weil er der Einzige ist, der diesem Pferd ein wenig Sozialpflege, Kontakt, Bewegung und Abwechslung gibt – der einzige helle Moment am Tag. Lass dich da nicht blenden, jedes Pferd braucht wenigstens tagsüber mit anderen Pferden Auslauf – alles andere ist absolut nicht Pferdegerecht.


Bei der Gelassenheitsprüfung geht ein Pferd so unerschrocken durch alles durch und lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen.

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Ist ein desensibilisiertes Pferd mehr wert, als ein sensibles, mitdenkendes…?

Geht oder reitet der Mensch zum ersten Mal da durch und hat so etwas noch nie geübt und das Pferd auch nicht an diese Dinge gewöhnt, dann super! Die beiden haben eine gute Beziehung, das Pferd vertraut darauf, dass der Mensch weiß was er da tut. Doch meistens wurde vorher geübt. Desensibilisierung – so wird das genannt. Das Pferd wird mit der Plastikplane, dem Schirm etc. überall berührt, bis es keine Angst mehr zeigt. Meistens wird es dabei noch festgehalten, sodass es nicht einmal weggehen könnte, wenn es ihm zu viel wird. Es wird mit allem konfrontiert, vor dem es Angst haben könnte, um daraus ein absolutes Verlasspferd zu machen. Wir denken, dass wir dem Pferd damit einen gefallen tun, da es ja nun keine Angst mehr vor diesen Dingen haben muss – schließlich kennt es das nun. Aber genau das Gegenteil machen wir, wir überfordern das Pferd mit Reizüberflutung. Es lernt nicht mehr zu reagieren, komme was wolle. Es wird abgestumpft, von seinen lebenswichtigen Sinnen getrennt. Diese Pferde reagieren dann, wenn etwas ungewöhnliches passiert, meist extrem heftig. Da sie sich so sehr in sich zurück ziehen, dass man die Vorstufen seiner Angst schon gar nicht mehr erkennen kann. Oder es reagiert überhaupt nicht mehr auf sein Umfeld…


Hättest du geahnt, was man mit diesen vermeintlich gut gemeinten Trainingsmethoden alles anrichten kann?

Natürlichkeit – Für Mensch und Pferd

Das war nur ein kleiner Einblick in die verschiedenen Trainingsmethoden. Mit diesem Text möchte ich  nur anstoßen, sich selbst ein Bild von seinen Vorbildern zu machen, skeptisch sein und nachforschen, ob es wirklich das ist, was man möchte – und zwar in jeden Schritt. Macht es dich glücklich? Macht es dein Pferd glücklich? Du musst nicht alles durchziehen, nur weil es der Eine genau so geschafft hat. Wenn es nicht mit deinem Bauchgefühl konform geht, dann hat auch der größte Pferdeguru nicht recht. Nur du und dein Pferd kennt eure Wahrheit, sonst niemand. Und nur weil XYZ seinem Pferd Liegen, Steigen und Spanischen Schritt beigebracht hat, müsst ihr das nicht auch machen um etwas wert zu sein. Erst einmal hinter die Kulissen schauen, ob mit dieser Arbeit nicht doch etwas kaschiert wird…

Letztendlich wünscht sich doch jeder ein Pferd, welches einfach nur glücklich ist. Und das erreichen wir nur, wenn wir für das Pferd da sind und SEINE Wünsche respektieren und annehmen und dabei unsere Wünsche erst einmal hinten anstellen. Der echte Beziehungsaufbau ist essenziell für jede weitere Zusammenarbeit. Wenn er da ist, dann klappt auch die Freiarbeit (ohne Druck und Dominanz – sogar ohne jegliche Vorarbeit!) und das Reiten sowieso. Und eine echte Beziehung erreicht man nicht durch Bodenarbeit, Zirkustricks oder Reiten – sondern damit, sein Partner Pferd wahr zu nehmen, kennen zu lernen, seine Wünsche zu verwirklichen und zu zeigen, dass man bereit ist auf einer Ebene und absolut friedvoll zu kommunizieren.

Neugierige, sensible Pferde, umgeben von weitläufiger Natur

Dieser Text soll aufklärend sein, ohne dabei jemanden auf dem Schlips zu treten. Ich möchte mit diesen Zeilen nur für eine Sensibilisierung aufrufen, dass einfach jeder für sich die Dinge hinterfragt und nicht kommentarlos alles übernimmt. Ich hoffe, dass es mir damit ein wenig gelungen ist ☺ Natürlich musste ich hier hin und wieder „extremer“ schreiben, weil der Text sonst nicht den gewünschten Effekt hat – deswegen heißt es nicht, dass ich jeden verteufle der wie beschrieben mit seinem Pferd umgeht. Hier heißt es, die Nuancen sind entscheidend. Jeder ist individuell, bei den einen klappt das wunderbar und auch das Pferd ist damit zufrieden, beim Anderen ist es aber absolut nicht der richtige Weg. Das muss aber jeder für sich heraus finden ☺

HIER GEHT ES WEITER:

TEIL4-Veränderungen bewusst werden lassen wie stehe ich heute zu meinen Einträgen-Blogserienabschluss
TEIL4 – WIE STEHE ICH HEUTE ZU MEINEN EINTRÄGEN?

 

 

 

Author

Ich heiße Chrissi und ich hatte meine große Entdeckung 2015 – da lernte ich Chi-Horsing (Saliho School von Sandra König) und die Akademische Reitkunst (nach Bent Branderup) kennen, welche mich auf einen komplett neuen Weg brachten… Diesen Weg möchte ich nun hier mit dir auf meinem Blog „Horsensation“ teilen!

Gerne können wir uns hier austauschen: