Heute schreibe ich über etwas sehr persönliches. Und ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht, ob es jemanden gibt, der dasselbe Problem hat, wie ich. Vielleicht war ich deswegen mit diesem Thema immer sehr hin und her gerissen. Weil ich damit vielleicht auf totales Unverständnis stoße, oder gar Verurteilt werde…
Aber weil mich dieses Thema tatsächlich schon länger beschäftigt und es auch irgendwie nicht wirklich besser wird, möchte ich es nun auf diesem Weg versuchen: Es mehr oder weniger öffentlich machen. Mir damit vielleicht diesen Druck zu nehmen. Mal kurz hoffen, dass es doch ähnliche Fälle gibt. Oder natürlich total ins Fettnäpfchen treten – aber dann habe ich wenigstens irgendetwas versucht 😉

Qualität vs Quantität

Eine kleine Gegenüberstellung beider Gegebenheiten

Wenn man eine Beziehung zum Pferd aufbauen möchte, so muss man in erster Linie immer da sein. Sich immer bemerkbar machen, damit dem Pferd klar wird, dass man nun irgendwie zusammen gehört… Oder?
Das wäre hier wohl die Quantität. So oft es geht beim Pferd sein. Bestimmt richtig, weil das Pferd dadurch eine gewisse Routine bekommt, es wird zur Gewohnheit und damit kann es sich gut anfreunden. Wir sind ja alle irgendwie Gewohnheitstiere. Die Menge der Besuche führt dann zwangsläufig dazu, dass man sich kennen lernt – und damit auch jede Befindlichkeit des Anderen. Das ist gut! Irgendwie…
Aber ich muss ehrlich sein, ich gehöre tatsächlich nicht zu diesen Pferdemenschen, die jeden Tag mit Pferden Zusammensein muss… Das mag nun hart klingen, aber in erster Linie komme nun einmal ich. Und es gibt Tage und auch Wochen, wo ich viel zu tun habe, mein Kopf zu voll ist oder ich einfach mental meinen Pferden überhaupt nicht gewachsen bin. Während dieser Zeiten kann es tatsächlich auch vor kommen, dass ich fast zwei Wochen am Stück nicht zu meinen Pferden gehe. Geschockt?
Nun, so ist es derzeit bei mir. Zwei Mal war ich da, als ich mich gut gefühlt habe, nur zu Besuch, zum hallo sagen und kraulen. Und da kommt die Qualität ins Spiel. Die zwei Besuche haben die Beziehung wahrscheinlich um einiges mehr gesteigert, als wenn ich jeden Tag gekommen wäre. Denn jeder Tag, wo ich mental schlecht drauf gewesen war, hätte mir einige an Minuspunkten eingeheimst. Ich wäre wieder zur Bratwurst zusammengeschrumpft. Durch die zwei Besuche, die eine hohe Qualität hatten, habe ich nur Pluspunkte gesammelt.
Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber wenn du viel um die Ohren hast, gerade auch mehr an dir selbst arbeiten möchtest, würdest du dich gerade dann mit Jemanden treffen, der auf dich und deine Kraft angewiesen ist? Der deine Kompetenz braucht und dem du dienen solltest?
Ich habe für mich entschieden, dass ich nur noch etwas mit meinen Pferden unternehmen möchte, wenn ich:
1. ausgeglichen
2. erwartungslos
3. mental fit
4. achtsam
5. glücklich
bin. Ausgeglichen – von meinen Gefühlen und Emotionen her, Erwartungslos – ohne jegliche Vorstellungen, wie es werden wird, Mental fit – keine anderen Gedanken, die sich in den Vordergrund drängeln wollen, Achtsam – gegenüber mir selbst und natürlich auch den Pferden und ihren Stimmungen, Glücklich – damit ich mein Glück nicht in eines meiner Pferde suche.
Für mich sind das sehr wichtige Punkte geworden. Denn, wenn eins davon nicht da ist, dann verfalle ich so schnell wieder in alte Muster. In mein Ehrgeiz-Kontroll-Muster.
Vor meiner Pferdepause gab es tatsächlich auch einen Vorfall. Meine Stute, die Nicki, ist ja nun bei mir im Stall angekommen. Ich war bisher sehr viel mit ihr spazieren und es lief wirklich super. Klar, am Anfang blieb sie immer wieder stehen, weil sie mir noch nicht so vertraute, aber ansonsten war es perfekt.
Doch dann blieb sie schon im Paddock stehen und wollte nicht mehr mit. Für mich gab es aber überhaupt keine Diskussion – sie musste mit! Und so verfiel ich wieder in alte Muster, zog gewaltsam am Strick, trieb sie und wurde allgemein ungeduldig mit ihr.
Bis mir klar wurde, dass ich zwar meinen ganzen Ehrgeiz vom Néo weg gebracht habe, jedoch dafür auf Nicki aufgeladen hatte. Kein Wunder, dass sie diese große Last nicht tragen konnte bzw. wollte. Jedoch war mir das so schnell noch nicht klar, dass ich mein Glück wieder in einem Pferd suchte.
Ich machte also die Pause erst einmal, weil ich mich so nicht ausstehen konnte, wenn ich meinen Willen auf so körperliche Art und Weise durchsetzen wollte. Erst mit den Tagen und dem kurzen Besuch wurde mir klar, dass ich zuletzt wieder in alte Muster gefallen war. Also hieß es, Zeit für mich und daran zu arbeiten, dass ich mein Glück nicht mehr in Pferden suche und auch die Last meiner Wünsche und meines Ehrgeizes von Nicki ab lade. Solche Gedanken müssen sich auch erst wieder festsetzen und das braucht seine Zeit.
Néo und ich kennen uns nun seit November 2009. Dass er mich so schnell nicht mehr vergisst, ist klar. Doch Nicki kennt mich noch nicht so gut. Und deswegen hat sich ein schlechtes Gewissen eingebahnt. Was denken wohl die Anderen von mir, dass ich mich so lange nicht um mein junges Pferd kümmere? Was sagen sie zu mir, wenn ich wieder komme? Diese Gedanken haben mich in den letzten Tagen beschäftigt… Deswegen auch dieser Artikel.
Nur eines – das „Wichtigste“ – fragte ich mich gar nicht: Würde mich die Nicki noch erkennen, mit mir Zusammensein wollen und weiß sie überhaupt noch, wie alles geht?

Pausen

Von Zwängen und guten Absichten

Ich fragte mich das deswegen nicht, weil es für mich absolut klar war, dass es gar kein Problem sein wird. Natürlich wird sie mit mir Zusammensein wollen, weil ja auch Néo gern bei mir ist – ich bin ja schließlich ein netter Mensch (wenn ich nicht gerade voller Ehrgeiz bin). Und, dass sie noch weiß, wie alles geht ist auch klar – schließlich habe ich ihr tatsächlich noch nichts beigebracht. Alles, was sie tut, macht sie, weil ich es mit ihr Kommuniziert habe. Und an Bewegung mangelt es ja bei uns überhaupt nicht.
Ich mache mir tatsächlich mal wieder nur Gedanken darüber, was Andere von mir denken. Und auch nur deswegen, weil insgeheim, tief in mir drin, noch dieser Zwang ist „Du MUSST zum Pferd, weil es braucht ja Bewegung und sonst verlernt es ja alles bla bla bla“. Und natürlich auch, weil ich mal aufs unhöflichste überhaupt angegriffen wurde, warum ich so lange (es war eine Woche) nicht beim Néo war. Es waren ein paar krasse Vorwürfe dabei, die ich hier gar nicht weiter niederschreiben möchte…
Dass solche Reaktionen ausgelöst werden können, nur weil man länger nicht im Stall war, finde ich schon sehr heftig. Vor allem, weil es ja wirklich absolut niemandem etwas angeht. Und dennoch bekomme ich das nicht mehr aus dem Kopf.
Dabei bewegt sich das Pferd doch, wenn es lust dazu hat (außer es ist ihm den Umständen entsprechend nicht möglich). Dinge, die ein Pferd einmal gelernt hat, vergisst es nicht mehr (so schnell) – und seinen Menschen sowieso nicht. Also, warum hetzt man sich dann so gut wie jeden Tag zum Stall? Egal in welcher Stimmung man ist? Und verurteilt diejenigen, die weniger oft kommen? Warum haben wir da so einen Zwang in uns?
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Wie ist es bei dir – Gehst du jeden Tag? Gehst du jeden Tag gerne? Oder ertappst du dich dabei, dass du dich hin „zwingst“ aus Gründen, wie „Bewegung“ oder „Erziehung“ oder „…“?
Für mich ist tatsächlich dieser Zwang ein sehr großes Thema, an das ich wohl noch länger arbeiten muss.
Aber gerade bei Chi-Horsing braucht man das Kontinuierliche nicht mehr. Das ständige Wiederholen von Übungen und Lerneinheiten. Weil nichts mehr über Methoden geht und auch nichts mehr über eine Konditionierung. Sondern reine Kommunikation. Und Kommunikation verlernen die Pferde nicht, da sie das jeden Tag mit ihren Artgenossen tun.
Im Herbst 2016 war ich auch zwei Wochen nicht beim Néo. Ich holte ihn und wir gingen erst einmal eine Runde ins Gelände. Er war so fein und friedlich. Gerade bei ihm merke ich, dass weniger mehr ist.

Es ist wirklich wichtig mit welcher Stimmung man zu seinem Pferd geht. Wenn man nicht in seiner Mitte ist und man eigentlich nur für sich sein will, hat das überhaupt keinen Sinn etwas mit seinen Pferden unternehmen zu wollen. Sie wissen genau, was in uns vorgeht und zeigen das rigoros. Dann sollte man sich überlegen, was mit einem los ist und dieses Thema angehen – alleine. Erst, wenn man das Gefühl hat, dass es nun besser ist, kann man einen neuen Versuch wagen. Mal dauert es länger, mal kürzer.

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TEIL3-Sensibilisierung-auch Pferdegurus machen Fehler-Beziehungsaufbau zu Pferden
TEIL3 – SENSIBILISIERUNG
Author

Ich heiße Chrissi und ich hatte meine große Entdeckung 2015 – da lernte ich Chi-Horsing (Saliho School von Sandra König) und die Akademische Reitkunst (nach Bent Branderup) kennen, welche mich auf einen komplett neuen Weg brachten… Diesen Weg möchte ich nun hier mit dir auf meinem Blog „Horsensation“ teilen!

Gerne können wir uns hier austauschen: