TEIL1: So wichtig ist „Achtsamkeit“ unter Pferden!

Ich finde es schon sehr erstaunlich, wie Pferde einem einfach immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen können. Eigentlich wollte ich in diesem Beitrag mehr auf die „Friedliche Verteidigung“ des eigenen Raumes eingehen, jedoch wurde mir mehr und mehr klar, dass ich schon wieder versuche zu methodisch vor zu gehen. Das zeigte mir mein Néo dann auch sehr deutlich… Klar, der Anfang davon, hat mir sehr gut gezeigt, wie abgestumpft zum Beispiel unsere Reitpferde durch uns selbst geworden sind, man aber dennoch mit der richtigen Einstellung (und Energie) schaffen kann zu ihnen durch zu dringen. Und wie wichtig so unglaublich kleine Dinge für die Beziehung sind… Also wird auch dieser Eintrag weniger ein Erklär-Bericht, sondern ich schreibe auch hier wieder über meine gemachten Erfahrungen.
Weiteres gibt es in den folgenden Zeilen:

Der Individuelle Raum

Wie wichtig es ist, auf seinen Raum acht zu geben!

Am ersten Tag – ich saß im Auto auf dem Weg zum Stall – ließ ich also meinen kompletten Ehrgeiz auf der Strecke zurück. Den Ehrgeiz irgendetwas erreichen zu wollen. Gerade für mich ist das ein wichtiger Punkt, da ich mich gerne in etwas festbeiße und das dann unbedingt erreichen will.
Ich stieg dann also völlig entspannt aus meinem Auto aus und dachte mir nur, dass ich zum Néo gehe und einfach einmal alles auf mich zukommen lasse. Ohne Plan machte ich mich auf den Weg, runter zur Herde, genoss die Sonnenstrahlen und das leicht milde Wetter. Unten angekommen erspähte ich ihn schon und auf halben Weg kam er sogar auf mich zu. Ich schickte ihm, ganz leicht, eine Energie bzw. einen Satz „Ok, die Nähe reicht mir erst einmal, begrüßen wir uns doch zuerst vorsichtig“. Ganz sensibel reagierte er auf mich und stoppte in einem angenehmen Abstand. Ich war sehr erstaunt, wie gut das gleich am Anfang klappte! Ich hielt ihm meine Hand hin, die er vorsichtig beschnupperte und dann versuchte mit den Lippen etwas Essbares zu finden. Mein Vorsatz, in nächster Zeit, keine Leckerlis mehr zu füttern, bestätigte sich hiermit. Manchmal hatte ich tatsächlich das Gefühl ihm damit schon eine gewisse Verhaltensstörung antrainiert zu haben. Er „schnappte“ nämlich häufig unbedacht nach unten, wenn ich ihm meine Hand unters Maul hielt, weil er dort ein Leckerli vermutete.
Als er bemerkte, dass da nichts war und ich ihm nun auch mehr Nähe geben konnte – weil er ja meinen Individual-Abstand respektierte – kam er näher an mich heran und ich fing Fellpflege bei ihm an. Genüsslich streckte er mir sein Genick und Ohren entgegen, seine absoluten Lieblingsstellen. Unsere Zweisamkeit wurde jedoch schon bald gestört. Denn da kam meine eigentliche Aufgabe auf mich zu.

Im Workshop in der Saliho School, hatte ich ein Video mitgebracht, welches unter anderem mich zeigt, wie ich den Néo aus der Herde hole. Mehrere Meter weiter weg, stand Camello, Néos Kumpel. Schon seit dem Einzug, kam er immer büffelig auf mich zu und respektierte so gar keinen individuellen Raum bei mir.
So geschah es in diesem Video auch wieder. Nur hatte ich nicht bemerkt, wie lange vorher er sich mir eigentlich schon angekündigt hatte. Es war ja wirklich viel Platz zwischen uns! Er kam also auf mich zu und was tat ich? Ich war so damit beschäftigt am blöden Kappzaum herumzufummeln, dass ich nicht mal Néos Blick sah, welcher mir Camellos Ankündigung zeigen sollte. Viel zu spät antwortete ich kleinlaut „Nee, du darfst nicht her“, mit einer hektischen Handbewegung in seine Richtung. Klar, dass er das überhaupt nicht ernst nahm, im besten Falle hat es ihn nur kurz irritiert. Da ich nicht weiter etwas unternahm, fing er an mich zu untersuchen. Schnupperte überall und fand dann auch recht bald mein Leckerli-Vorrat in meiner rechten Jackentasche. Plump und völligst auf unterstem Niveau, versuchte ich uns nun körperlich Platz zu schaffen, indem ich Camello weg schob bzw. weg schieben wollte. Bis dahin hatte ich mich schon beim Néo als völligst unbrauchbar und als totale Bratwurst (wie Sandra König immer gerne sagt) entpuppt. Als ich dann auch noch das andere Ende des Stricks nahm und in Richtung Camello wedelte und dabei auch an Néos Kappzaum zog, war es völlig vorbei mit der „Achtung“ zu mir. Total unterstes Niveau, null Pferdesprache-Kenntnisse und vor allem keinen Anspruch auf irgendeine Führungsposition! Wenn Pferde das könnten, hätte Camello und Néo in diesem Moment wohl die Augen verdreht und sich mit einem „Oh Gott, was ist das für eine Bratwurst“-Blick bedacht.

Der Text in Bildern:

Zurück zum Tag, von dem ich angefangen hatte zu erzählen. Wir waren gerade am Kraulen, als dieser Camello von Weiten auf mich zu kam. Ich, mit meinen tollen neuen Pferdesprachkenntnissen, sah meine Chance zu beweisen, was ich so drauf hatte und sendete schon von weiten, dass ich nicht möchte, dass er näher kam. Zu meinen erstaunen (ganz ehrlich, hätte ich nicht gedacht, ich dachte ich bräuchte mehr dazu), verlangsamte er seinen Schritt und als ich nicht nach ließ, blieb er in zwei bis drei Metern Abstand tatsächlich stehen. Unglaublich. Ich konnte es nicht fassen… Ich ließ ihm mit nachdruck verstehen, dass ich mit Néo hier die Zweisamkeit genießen möchte und kraulte weiter. Er blieb tatsächlich stehen und sah mich einfach nur neugierig an. Gepuscht vor lauter Selbstvertrauen, da ich das erste Mal geschafft hatte, Camello von mir weg zu halten ohne körperlich zu werden oder Seilchen zu schwingen, dachte mir, jetzt kann doch gar nichts mehr schief gehen, schließlich war er immer der aufdringlichste in der Herde!
Wie es nun mal so ist, wurde ich eines besseren belehrt. Denn dann kamen eine betagtere Stute und ihr Wallachfreund auf uns zu. Die Stute regte sofort ein Mitleid in mir, was mir natürlich in dem Moment die Glaubwürdigkeit meiner Handlung – dass sie nicht näher kommen dürfen – nahm. Denn sie atmete so stoßweise und schnell, dass ich dachte, sie hätte irgendwelche Kreislaufprobleme und kippte mir gleich weg. Ich schaffte es dennoch, sie in einen (trotzdem zu nahen) Abstand zu mir zum Stehen zu bringen. Meine Besorgnis um sie, ließ sie jedoch immer näher kommen. Und als sie meine Hand mit ihren Nüstern berührte, drehte sich Néo um und ging.
Dieser Moment war einfach heftig. Ich sendete Widersprüche aus, zum einen wollte ich meinen Raum waren und zum anderen sagte ich, dass sie mir leid tat und sie sozusagen ruhig näher kommen darf, weil sie ja schwach und verletzlich ist. Dass aber auch bei kranken und schwachen Pferden, dieselben Regelungen gelten, hatte ich in dem Moment einfach nicht mehr in meinem Kopf. Macht man halt nun mal als Mensch, dummerweise… Dieses Mitleid „Ach du armes Pferd, komm her, ich kümmere mich um dich“ ist eigentlich kontraproduktiv und hilft keinen von beiden weiter. Mitgefühl ist wohl besser, eine gewisse Empathie, man sollte dies jedoch nicht so weit treiben, dass man dann nicht mehr so handelt, wie man eigentlich handeln sollte bzw. wollte. Das sah wohl auch Néo so und ging deswegen. In meiner Nähe war nun nichts mehr zu holen, ich hatte mich mal wieder geoutet.
Also ging ich auch von dannen und atmete tief durch. Doch die Stute mochte meine fürsorgliche Aura und suchte wieder meine Nähe. Es brauchte tatsächlich viel um sie von mir weg zu halten und ich ertappte mich immer wieder dabei, dass ich dabei nicht Raum gab sondern Raum nahm. Ich machte dabei also einen Schritt auf sie zu, wenn ich ihr sagen wollte, dass sie stehen bleiben soll. Daran sollte ich wohl arbeiten…
Als ich merkte, dass es nicht besser wird, zog ich noch einmal weiter, aber dieses Mal ging ich so weit weg, dass ihr die Anstrengung mir zu folgen größer war, als ihr Verlangen bei mir zu sein.
Ich blieb dann einfach für mich, genoss die Sonne und sammelte mich wieder.

Nächste Herausforderung

Die Wiedergutmachung und der Beweis, dass ich doch keine Bratwurst bin

Ich versuchte nun eine letzte Annäherung und „Wiedergutmachung“ an Néo. Während dessen wendete er sich mir auch wieder zu und kam mir etwas entgegen. Ich bekam also eine neue Chance meine Kompetenz zu beweisen. Camello hielt ich wieder auf Abstand, das war kein Problem mehr. Dann, zurück vom Training, kam ein Pony, dessen Namen ich leider nicht weiß.
Ich nenne ihn einfach mal Chef, weil er wohl relativ weit oben in der Rangordnung der Herde ist.
Chef kam also auf uns zu und weil ich um seine Stellung wusste, war ich doch recht „aufgeregt“ ob ich mich bei ihm schon so beweisen konnte. Ich brachte ihn aber tatsächlich im angemessen Abstand zum Stehen, aber zu früh gefreut, er stellte es natürlich mehr in Frage, als es ein anderes Pferd in niederer Rangordnung es tun würde. Er war drei bis zwei Meter entfernt und machte immer wieder einen Minischritt auf mich zu, wenn ich meine Energie nicht halten konnte. Néo stand aufmerksam neben mir und beobachtete das Geschehen. Und ganz ehrlich, mir wurde es zu anstrengend. Wenn du schon einmal mit mentaler Kraft versucht hast ein Pferd zum Abstand halten zu überzeugen, weißt du wie anstrengend das ist.
Vor allem, wenn das Pferd es in Frage stellt. Es ist wie ein mentales Kräfte messen – wer hält länger durch? Der Klügere gibt nach, oder? Damit Néo nicht ins Kreuzfeuer geriet (wenn ich einfach gegangen wäre, wäre Chef auf Néo los gegangen und ich hätte ihm das angetan – sowas merken sich Pferde!) lockte ich ihn einfach spielerisch von der Stelle weg. In dem Moment war ich wohl nicht die mental Stärkere, hatte aber einen Plan, der freudig von Néo angenommen wurde. Also konnte ich mich aus der Situation retten ohne mein Gesicht zu verlieren.
Später kam noch ein anderes Pferdchen vorbei, bei dem es auch nicht sonderlich schwer war, meinen Raum zu waren. Ich bemerkte, dass er wohl sein neuer Kumpel war, denn Néo begrüßte es, dass er nun bei uns stand. Dieses Pferdchen war aber bisher auch eher Ranghöher als Néo, deswegen freute ich mich, dass auch er sich weiter entwickeln konnte. Wir standen dann noch ein Weilchen zusammen rum, bis ich meine Mutter und ihr Hund in der Ferne erkannte und verabschiedete mich dann. Néo sah mir lange hinterher, ich glaubte eine gewisse Achtung in seinen Augen zu erkennen.

Achtsamkeit

In Form von „mein eigener, heiliger Raum“

Ich wette ein jeder von uns handelt ähnlich. Man geht in die Koppel und begrüßt jedes Pferd, das zu einem her kommt, lässt es an sich schnuppern und findet es vielleicht auch noch süß, wenn es an einem herum wuschelt. Weil man ja noch nicht bei seinem Pferd ist, lässt man es zu. Es sind ja nicht die eigenen Pferde, denn vielleicht ist man bei seinem eigenen Pferd konsequent und lässt das Ganze nicht so zu. Dass es aber alles mitbekommt und auswertet, wissen nicht viele. Zumindest war das mir noch nicht so klar! Wir geben vom ersten Moment an preis, was uns ausmacht, welchen Wert wir haben. Wenn wir also in die Herde gehen und nicht unseren individuellen Raum waren, erkennt das Pferd schnell, dass man relativ rang-niedrig ist und man in dem Moment natürlich auch keinen Schutz vor der bösen Außenwelt bieten kann. Natürlich soll man dann auch nicht reingehen und jedem Pferd Beine machen, welches sich zu nahe an einem heran traut, denn auch dieses Verhalten wertet das Pferd eher als negativ aus.
Wichtig ist, dass man mit einer guten Energie hinein geht, friedlich und bestimmt seinen eigenen Raum wart, ohne körperlich zu werden – das heißt rein mit mentaler Kraft. Unterstützend natürlich mit Körpersprache und Stimme bzw. ich zische gerne, da man es leise ansetzen und laut ausbauen kann, ohne hysterisch zu wirken. Und dabei hat man nur eine Mission im Kopf, zum eigenen Pferd gehen und es begrüßen.
Was nun „Achtsamkeit für sich selbst“ damit zu tun hat, ist folgendes: Menschen, die bereits achtsam mit sich umgehen, haben hier schon einen großen Vorteil. Diese Energie spüren die Pferde, sie merken, dass dieser Mensch auf sich Acht gibt, auch in der Außenwelt. Es werden wohl weniger Pferde versuchen das in Frage zu stellen und halten eher Abstand. Ein Mensch, der sich auch in der Außenwelt zu viel gefallen lässt und mit sich selbst schlecht umgeht – also weniger bis kaum Achtsamkeit für sich übrig hat, wird es schwer haben. Da werden wohl mehrere Pferde einfach in einen hinein laufen und den Raum kaum ernst nehmen.
Deswegen ist es so wichtig auch an sich und an seine eigenen Lebensumständen zu arbeiten. Sich selbst zu achten und sich gutes zu tun. In jeder Form, wo man seine eigene Persönlichkeit zum positiven weiter entwickelt, erkennt das auch das eigene Pferd und schließt sich gerne an. Und „Achtsamkeit für sich selbst“ ist der Anfang!

Diese Geschichte liegt schon etwas länger zurück, aber manchmal braucht es einfach seine Zeit, das Ganze sacken zu lassen um es richtig wiedergeben zu können. In Teil 2 werde ich unter anderem von Qualität anstatt Quantität schreiben – was genau ich damit meine, erfährst du bald ☺