Mein erster Artikel auf meinem früheren Blog, widmete sich der Frage „Zaum mit oder ohne Gebiss“. Da ich bis heute einiges mehr in Erfahrung gebracht habe, möchte ich hier nun mehrere Fakten präsentieren, die beim Verwenden eines Gebisses im jeden Fall auftreten. Ich möchte mit diesem Eintrag niemanden auf den Schlips treten oder beschimpfen. Es sind Studienergebnisse, nach mehreren Jahren Forschung. Diese wird bis heute fortgeführt und es kommen immer wieder neue Erkenntnisse ans Tageslicht. Folgende Fakten beruhen auf die Studie von Dr. Cook, der über 3 Jahre 100 Pferde und Reiter aus allen Disziplinen mit und ohne Gebiss überprüfte.

Punkt 1

Allgemeines über das Pferdemaul

  • Das Maul ist überzogen mit einer feinen, 2 Millimeter dünnen Haut
  • Mit Drüsen, die Täglich bis zu 40 Liter Speichel produzieren (mit Mineralien und Eiweiß – deswegen wird der Speichel so schaumig und weiß)
  • Die Zunge wiegt 1 – 2 kg und besitzt das !dichteste! Nervengeflecht neben dem Gehirn – so weich und empfindlich, wie die Lippen eines Menschen
  • Die Zunge ist mit einem hauchdünnen Zungenbändchen am Unterkiefer verbunden, welches sehr leicht reisen kann

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Punkt 2

Unstimmigkeiten

Uns wird gelernt, dass Pferde abkauen und schäumen sollen – dann ist es durchlässig, zufrieden und wurde gut geritten. Doch wie verhält es sich denn anatomisch? Ein Pferd kann entweder laufen oder fressen, weswegen der Schaum bzw. Speichel ein starkes Hindernis ist im Bezug auf das Atmen. Denn beim Schlucken kommt es in Gefahr plötzlich keine Luft mehr zu bekommen. Wenn wir uns also diese untenstehenden Bilder ansehen, kann man gut erkennen, wie schaumig dessen Mäuler sind, wie stark die Adern hervor treten und wie aufgerissen die Nüstern sind, weil sie nur mühsam atmen können.

Die Reflexe bestimmen ob geatmet oder geschluckt wird. Wenn das Maul geschlossen ist, atmet es – wird das Maul geöffnet, strömt Luft hinein. Verbunden mit der Berührung an der Zunge (Gebiss bzw. Nahrung) löst es eine Kette aus: Fressen und schlucken! Der weiche Gaumen hebt sich dabei und der Gaumensegel legt den Weg zur Speiseröhre frei. Der Kehldeckel schließt somit gleichzeitig die Luftröhre.

Punkt 3

Das Gebiss „wirkt“ wie Nahrung

Nun „denken“ die Reflexe beim einlegen des Gebisses, dass jetzt gefressen wird. Der Kiefer, die Lippen und die Zunge bewegen sich und es wird mehr und mehr Speichel produziert – da dies beim Fressen und Verdauen hilft. D. h. sobald Speichel produziert wird, wird automatisch auch der Parasympathikus (einer der drei vegetativen Nervensysteme) aktiviert. Dieser Teil drosselt dann den Herzschlag und die Atmung, fährt die Aktivität der Muskeln herunter und drosselt auch die im Hirn stattfindenden Prozesse. Damit sich der Pferdeköper nun komplett auf das lebenswichtige „Futter“ konzentrieren kann… Das ist auch bei uns Menschen so – und was geschieht während dem Essen und beim Verdauen? Wir werden schläfrig… Genau das passiert dann auch dem Pferd beim Reiten. Während der Parasympathikus aktiviert ist, ist das sympathische Nervensystem (Sympathikus) lahm gelegt, da dieser der Gegenspieler ist. Er soll nämlich wach halten, aktiviert Kampf- und Fluchtreflex, Herz und Lunge, Muskeln und Hirn.

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Punkt 4

Die Sache mit der Atmung

Aber das ist noch nicht alles. Weiter oben habe ich das mit der Atmung schon etwas angekratzt. Bei jeder Bewegung der Zunge und des Unterkiefers wird der hintere Gaumen angehoben und erschwert somit die Atmung. Es reicht schon, wenn einfach nur das Gebiss im Maul liegt, die Zunge wird damit automatisch aktiv. Bei hoher Geschwindigkeit kann es sogar passieren, dass der Gaumensegel hoch klappt und sich dann das Pferd am eigenen Gaumensegel verschlucken kann und keine Luft mehr bekommt. Bei Rennpferden wird deswegen meistens die Zunge am Unterkiefer festgebunden, damit jegliche Bewegung der Zunge und das damit verbundene weichen des Gaumens verhindert wird.

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Im Galopp wird die Atmung an die Bewegung angepasst! Das ist besonders schlimm. Denn, wenn die Vorderbeine in der Luft sind und die Hinterbeine am Boden, atmet das Pferd ein. Wenn die Hinterbeine in der Luft sind und die Vorderbeine am Boden, atmet es aus. Also kommen Taktunreinheiten, Steifheit und Stolpern vom störenden Atemrhythmus. Und wer stört diesen? Das Gebiss und die verbundenen Reaktionen…

Punkt 5

Die Lage des Gebisses

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Nun fanden Forscher auch noch heraus, dass viel weniger Platz im Maul ist als vorher angenommen. Und dass die Zunge plan auf dem Gaumen liegt. Das heißt, dass das Gebiss, nicht wie angenommen, auf die Laden wirkt, sondern komplett auf die Zunge.

Punkt 6

Gebisse führen zu…

  • Störenden reaktionen des Verdauungssystems
  • Atembeengender Genickwinkelung
  • Luftröhrendeformationen
  • Kehlkopfpfeifen
  • Vorzeitiger Ermüdung
  • Entzündlichen Atemwegserkrankungen
  • Headshaking
  • Lungenbluten (bei Rennpferden)
  • Und beraubt dem Pferd die Balance und natürliche Anmut.

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Mein Fazit

Nur weil die FN die Anlehnung mithilfe eines Gebisses beschreibt, heißt das noch lange nicht, dass das die einzige Wahrheit ist. Viele Pferdemenschen beweisen heutzutage, dass auch Anlehnung Gebisslos möglich ist und die Pferde so einen zufriedeneren Gesichtsausdruck haben. Denn sie müssen sich nicht mit den ganzen Reflexen auseinander setzen, die folgen, wenn ein Gebiss eingeschnallt wird.
Ich hatte irgendwie immer ein etwas mulmiges Gefühl mit Gebiss zu reiten, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass das für Pferde tatsächlich „ok“ wäre… Später, bei meinem eigenen Pferd erfuhr ich, wie stark sich die Veränderung auswirken kann, wenn man zur gebisslosen Variante wechselt.
Mein Araber-Mix war kein neurotischer Durchgänger, aber er drehte relativ schnell hoch und war kaum mehr ruhig zu bekommen. Und ich hatte das Gefühl, dass das Gebiss das Ganze auch noch verschlimmert. Er konnte nicht mal richtig den Hals fallen lassen. Als Unwissende, ging ich also in ein Reitsportgeschäft und kaufte mir auf Empfehlung meiner Reitlehrerin ein Gebiss mit Shanks, welches auch die Zunge unter Kontrolle hielt (da er dazu neigte, die Zunge über das Gebiss zu legen – hier auch wieder ein Indiz zu Punkt 5!!!). Ich schlenderte noch herum und sah noch einen gebisslosen Zaum, ein SidePull mit zwei Rohhaut Seilen als Nasenstück.
Wieder im Stall, schnallte ich erst einmal das neue, schärfere Gebiss ein. Wie mein Kleiner sich schon da wehrte, nur weil es in seinem Maul lag, ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen. Ich glaube, das war der Punkt, an dem mir die Rosarote-Gebiss-ist-toll-und-notwendig-Brille von den Augen fiel… Ab diesem Zeitpunkt, legte ich nie wieder ein Gebiss in sein Maul.
Ich probierte also meinen nächsten Ausritt mit dem SidePull. Es lief fabelhaft! Er war so viel ruhiger, er ließ den Hals richtig fallen und schnaubte ab! Auf dem Reitplatz hingegen, wehrte er sich wieder, da ihm anscheinend die zwei dünnen Seile recht weh taten. Zum Glück war meine Tante derzeit auch auf der Suche nach einem gebisslosen Zaum und empfahl mir das Glücksrad (oder auch LG-Zaum), da man damit auch vernünftig arbeiten könnte. Also bestellte ich ihn und seitdem, also mittlerweile 5 oder 6 Jahre, wird er damit geritten.
Was ist so schlimm daran, einmal einen gebisslosen Zaum auszuprobieren? Wirklich einmal vergleichen, mit was läuft alles besser, mit was ist das Pferd am zufriedensten? Lassen wir doch die Pferde entscheiden, mit was sie am liebsten trainiert werden wollen!
Hast du so etwas schon einmal ausprobiert? Es würde mich freuen, wenn du mir deine Geschichte in die Kommentare schreiben würdest!

Das Gebiss ist nur so scharf wie die Reiterhand

Das ist ein Satz, der sehr gerne als Argument benutzt wird um das Reiten mit Gebiss zu befürworten. Wenn man sich jedoch das Ganze durch liest, erkennt man, dass die Reflexkette schon anfängt, sobald das Gebiss ins Pferdemaul gelegt wird.
Das soll natürlich kein Freifahrtschein sein, dass jeglicher gebissloser Zaum Pferdefreundlicher ist. Das stimmt überhaupt nicht. Es werden so vielleicht nicht diese Reflexe aktiviert, jedoch kann man mit einem gebisslosen Zaum erheblichen Schaden anrichten, wenn man es zu Kontrolle und zum Zwang benutzt.


Auch bei einer gebisslosen Trense sollte man genau darauf achten, keine Folterinstrumente zu kaufen!

Beispiele Gebissloser Zäumungen

SIDEPULL FÜR DIE ANLEHNUNG

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Das SidePull ist relativ beliebt, da es recht simpel in der Handhabung ist. Hier meine ich den Zaum, der ein weiches Nasenstück hat, der mit Rohhaut ist nur für das Signalreiten geeignet!

GLÜCKSRAD FÜR DIE ANLEHNUNG

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Hier ist der Zügel in der Speiche eingeschnallt, in der keine Hebelwirkung entsteht. Somit ist es auch für die Anlehnung geeignet. Schnallst du in eine oder zwei Speichen weiter vorne ein, hast du die Möglichkeit etwas mehr Einwirkung zu haben (siehe Zitat von Prof. Dr. Preuschoft bei „Glücksrad mit Hebelwirkung“).

WICHTIG! Bei der Verschnallung der gebisslosen Zäume unbedingt darauf achten, dass das Nasenstück auf dem verknöcherten Teil der Nase liegt. Wenn du die Nüstern mit den Fingern langsam hinauffährst, merkst du ab wann die „Löcher“ zu sind – Erst hier sollte der Nasenriemen aufliegen!

HACKAMORE FÜR DAS SIGNALREITEN

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Die Hackamore ist auch gut verbreitet. Diesen sehe ich häufig im Gelände an Pferden. Nicht zu unterschätzen ist der lange Hebel, der ein vielfaches an Druck weiter gibt, als du es am Zügel eigtl. geben willst!

GLÜCKSRAD MIT HEBELWIRKUNG – (Verbesserung Januar 2016)

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Zitat von Prof. Dr. Preuschoft:

„Der LG-Zaum ist selbst in der optimalen Verschnallung NICHT mit einer Hackamore zu vergleichen, da er bei z. B. 5 gr. Zügelzug – durch die Drehung des Speichenrades – lediglich 7,5 gr. erzeugt.“

Dieser Nachtrag ist für das Glücksrad ohne Shanks sehr wichtig, da es häufig Diskussionen gibt, dass die Hebelwirkung, die entsteht, wenn man ein oder zwei Speichen weiter vorne einschnallt, gleichzusetzen ist, wie bei einer Hackamore. Dies wurde ja nun durch Prof. Dr. Preuschoft widerlegt. Da ich wohl hier zu unsichere Quellen hatte, möchte ich zu dem Glücksrad mit Shanks nicht sagen, dass sie wie eine Hackamore funktioniert – da eventuell auch hier die Speichen eine Rolle spielen könnten. Am besten man probiert es einfach selbst aus, auf was das Pferd gut und schmerzfrei reagiert.

Debora vom Blog „Maulfrei“ hat hier auch einen anschaulichen Eintrag über das Gebiss geschrieben

Es gibt mittlerweile so viele Möglichkeiten etwas Passendes für sich und sein Pferd zu finden! Wir haben es in der Hand das Pferd gerechter zu trainieren und ihm diese schlimmen „Neben“-Effekte zu ersparen…

Author

Ich heiße Chrissi und ich hatte meine große Entdeckung 2015 - da lernte ich Chi-Horsing (Saliho School von Sandra König) und die Akademische Reitkunst (nach Bent Branderup) kennen, welche mich auf einen komplett neuen Weg brachten... Diesen Weg möchte ich nun hier mit dir auf meinem Blog "Horsensation" teilen!

Gerne können wir uns hier austauschen: